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Niels Dettenbach über seine Kindheit in der DDR

Mit Niels diskutiere ich gerne auf debate@ccc.de. Üblicherweise nehmen wir dort Gegenpositionen ein – als jemand, der die DDR im Wesentlichen bedrückend wahrgenommen hat, hat sich Niels, so mein Eindruck, nun dem Libertarismus zugewandt. Obwohl ich also in vielem nicht seine Ansichten teile, so soll nicht vergessen werden, was in der sogenannten Diktatur des Proletariats vorgefallen ist. Das Original, die Stasi 1.0, war schlicht widerlich. Ihr abschreckendes Beispiel ist mit der Grund, weshalb wir die Stasi 2.0 des Corporate State bekämpfen. Hier Niels' Bericht in seinen eigenen Worten (siehe auch Agnes Krauses Replik):

Meine Familie wurde durch den Todesstreifen getrennt. Als Kind konnte ich aus meinem Zimmerfenster am Horizont die Grenze sehen und fragte mich immer, was wohl dahinter zu finden sei, ob ich das wenige Kilometer entfernte Land jemals in meinem Leben zu sehen bekäme. Schon als Erstklässler bin ich jeden Morgen mit dem Bus den “ersten” Zaun des Todesstreifens entlang in die Schule gekutscht worden – vorbei an den heißgemachten und nur über den Zaun gefütterten Hunden wie bewaffneten Grenzern, die offensichtlich uns – aber nicht den “Bösen Feind BRD” bewachten und uns vor unserer Verwandtschaft hinterm Zaun “beschützten”. Nachts hörte man zuweilen das Detonieren von Personenminen, wenn mal wieder “ein Reh” draufgetreten war und danach jemand aus dem Dorf fehlte…

Ich habe mich (in meinem Jahrgang gab es nur noch ein Mädchen) geweigert an der “sozialistischen” Jugendweihe teilzunehmen – später auch die für ein Studium von Männern erwartete Unteroffizierslaufbahn. Ab da legte die Stasi dann auch meine Akte an…

Meine Schwester hat sich geweigert Mitglied der SED zu werden, woraufhin man ihr den bereits zugesagten Medizinstudienplatz strich und in eine Krankenschwesternausbildung steckte, weil sie damit als “untragbar” galt… Mein Vaters “Karriere” blieb auch schnell stecken – man wollte ihm die Leitung der VEB Papierfabriken übertragen, weil er sich beruflich sehr engagierte – nachdem auch er das Parteibuch ablehnte. Meine Mutter durfte – da Invalide durch Kinderlähmung – wie fast alle Rentner relativ frei Reisen (Rentner hielt die DDR ja nicht – die kosteten ja nur…) und somit Kontakt zur Familie im Westen halten.

Der Staat suchte uns mehrfach mit der Wegnahme des Reiserechtes meiner Mutter zu erpressen – wir drehten die Spieß dann um und teilten mit, das wir für den Fall unmittelbar die Ausreise beantragen würden (was auch bedeutet hätte alles bis dahin aufgebaute – wie z.B. das Haus meiner Eltern – dem Staat zu (zwangszu-) “schenken”).

Kurz nach der Wende hat sie dann ihr Medizin-Studium in Göttingen aufgenommen, wa ihr sofort zugeteilt wurde und auch mit höchstem Lob bestanden, hiernach ihre Doktorarbeit in der Krebsforschung abgeschlossen.

Mein Onkel wurde auf Hochzeitsreise mit seiner Frau bei Kiev bei einer “Bootsfahrt” von den Diensten umgebracht. Er hatte sich erdreistet, in den Westen zu fliehen, wollte später seine Familie besuchen. Lernte eine Frau aus seinem Geburtsort kennen, die nicht weg wollte, weshalb er zu ihr in den Osten zurückziehen wollte.

Mein Cousin hat den Militärdienst an der Waffe verweigert und wurde dann – wie “üblich” – als “Bausoldat in einer Chemiefabrik kaputtgespielt (er ist heute 40 und Invalidenrentner aufgrund der Folgen).

Wir wurden ausgiebig bespitzelt (was uns immerhin einen der ersten privaten Telefonanschlüsse im Ort einbrachte). Mein Großvater wurde als Unternehmer und Inhaber von sechs Zigarrenfabriken enteignet und lebenslang als “Kapitalist” diskriminiert.

Soweit nur zu meiner Familie – ähnlich und oft wesentlich schlimmer erging es all jenen, die sich nicht aalglatt der SED-Diktatur hingaben und ihr nach dem Maul laberten.

Karl Eduard von Schnitzler, der – wie viele namhafte Bonzen des Regimes – im Grenzstreifen im Nahbarort sein privates “Wochenendrevier in ruhiger Lage” hatte (dort durfte ja kein DDR-Bürger jemals hin, der dort “fremd” war) erging sich in einer doch mal teilöffentlichen kritischen Debatte mit zwei Männern aus unserem Dorf in unserer Dorfkneipe. Nachdem u.a. Schnitzlers Brille kaputt ging, sind beide noch in der selben Nacht ab nach Bautzen, wo einer starb, der andere nach mehreren Jahren als gebrochener Mensch herauskam…

Ein Kollege hat sich noch nach der Wende vor einen Zug geworfen, weil er – gut 15 Jahre (“mit Unterbrechungen”) in Bautzen gesessen – nicht nur wie üblich physisch, sondern auch psychisch so kaputtgespielt wurde, das er später nur noch ein Wrack seiner selbst war. Was hat der – also politischer Gefangener – bloß angestellt? Er hatte als Jugendlicher mehrfach öffentlich zur Kritik am SED Regime und zu “echter Demokratie” aufgerufen und sich – ganz er selbst – auch durch Haft nicht einschüchtern lassen – “Pech gehabt”…

Sorry, das mein Gerechtigkeistempfinden wie Freiheitswille nicht mit den Ideen der “Bessersozialisten” vereinbar war, ja schon meine bohrenden Fragen in der Schule und anderswo als “Angriff auf den Sozialismus” gewertet worden sind – somit bin ich ja selber “schuld” an meiner misslichen Lage – ich hätte auch (wie viele andere) einfach den Mund halten und mitlaufen können, so wie es die SED und zuvor schon Adolf von uns erwarteten…

Sorry auch dafür, das ich kein regimekonformer Ostberliner war, denen der Hintern von Regime besonders mit Privilegien und Mitteln gepudert wurde und von jenen sich nicht wenige über die “einfältigen Sachsen” lustig machten (weil für sie alles, was außerhalb Berlins und nicht an der Ostsee lag, “Sachsen” sein musste), deren Wohnungsbausituationen wie Versorgung mit Waren meist erheblich dürftiger ausfiel, weil das Regime enorme Mittel vom Land abzog und in die Vorzeigestadt Berlin (und zeitweise noch in die Messestadt Leipzig) schob um den wenigen ausländischen Besuchern stolz potjemkinsche Dörfer präsentieren zu können…

Wie kaum ein DDR-Bürger hatte ich regelmäßige, quasi wöchentliche Kontakte zur verbliebenen Familie im Westen (“Dank” der Kinderlähmung meiner Mutter…) und wir wussten recht gut, was uns dort erwartete, zumal wir innerhalkb der Familie die Option einer “Übersieldung” häufiger durchsprachen – nicht erst seit der Wende…

Als Instrumentalist im “Schulorchester” kamen wir häufiger mal ins Grenzgebiet (bis wenige Meter an den mit Tricks auch überschaubaren Zaun) zu “Jugendweihen” dortiger Schulen oder zu Geburtstagen eines Parteibonzens, der dort sein privates Jagdrevier hatte und dort “in Ruhe” Geburtstag feierte… Mir war schon klar, warum der Stacheldraht des Zaunes, der den “Klassenfeind abhalten” sollte, in unsere Richtung zeigte…

Dennoch – ja gerade deshalb bin ich für eine Öffnung der Grenzen wie eine Wiedervereinigung auf die Sraße gegangen. Freiheit ist für mich das Höchste Gut – wog und wiegt für mich mehr als Brot und Spiele wie die unhaltbaren Sicherheits- und Wohlstandsversprechen irgend eines Regimes, das mich einsperrt (zudem eh nur Sicherheit vorgaukelt, denn wenn es – aus welchem Grund auch immer – nicht mehr auf Dich angewiesen ist, dann lässt es Dich ebenso schnell fallen wie eine heiße Kartoffel).

Hätte das DDR-Regime seine Leute nicht eingesperrt und informatorisch soweit möglich vom Westen isoliert wie gezielt verdummt, hätten gerade viele im sog. “Tal der Ahnungslosen” (denn die merkten ja auch, das die Behauptungen des eigenen Staates nicht stimmten) wohl auch kein so verdrehtes Weltbild über die FDGO erhalten. Das bis heute immer noch Menschen in der ehm. DDR leben, die sich die DDR zurückwünschen, weil es ihnen da “besser” ging hat m.E.n. vornehmlich zwei Ursachen:

  1. sie waren – auf welche Weise auch immer – Privilegierte des Systems oder

  2. sie verklären heute die Geschichte der DDR, so wie sie zuvor die Situation im “Westen” verklärt haben (was der Mensch ja besonders gern zum “Positiven” tut…), damit auch “enttäuscht” werden musste…

Die Kaufkraft eines DDR-Bürgers mit durchschnittlichem Einkommen lag – verglichen mit heute – gerade mal auf Hartz IV Niveau (von Rentnern ganz zu schweigen), nur fehlte den meisten eben die Möglichkeit ihr Geld überhaupt für Konsumgüter o.a. auszugeben, denen sie ja heute i.d.R. nachschmachten. Der Nachbar konnte – selbst wenn er das fünffache an Ostgeld verdiente (und das taten ja auch nur wenige) oder hatte – davon kaum mehr erwerben als der faulste, ungebildetste Hilfsarbeiter. “Echtes Geld” gab es für die meisten nur als “Almosen” von Verwandten aus dem Westen – es sei denn sie waren parteitreue Oberbonzen, korrupt (d.h. tauschten Ostgeld schwarz gegen D-Mark) oder zuweilen auch nur mal schlauer als das Regime als das sie sich mit ihren originären Geschäftsideen – gegen geltendes “Recht” der DDR wohlgemerkt – unerlaubt persönlich produktiv betätigten.

Wer DDR will, der soll sich mit Gleichgesinnten zusammentun und eine gründen. Das erlaubt die heutige FDGO ja, und [man kann] es selbst ausprobieren.

Für derlei sozialistische Experimente stehe ich jedenfalls in diesem Leben nicht mehr zur Verfügung.

(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors)

publiziert Fri, 15 Feb 2013 23:42:02 +0100 #ddr #diktatur #stasi #terror

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