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“Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat.” (Rosa Luxemburg)

Das deutsche StarlinkEin Land als Kasernenhof

Massenandrang der Abwesenden

Titelbild

Digitale Auslastungsanzeigen sind mehr als ein smarter Service, der Auskunft über die Menschendichte an bestimmten Orten gibt; die grafische Farbgebung vermittelt subtil das misanthropische und falsche Weltbild einer überbevölkerten Erde.

Mit der Verstädterung kam das Phänomen der Menschenmassen auf. In der psychologischen und soziologischen Erforschung des damals noch neuen anthropologischen Phänomens kam der Mensch, das Individuum, meist schlecht weg. Gustav Le Bon etwa attestierte dem Menschen eine schwindende Intelligenz im Verhältnis zur Größe der Masse, in welcher er sich aufhält. Die Geringschätzung des Individuums hat sich bis in die heutige, technologisch geprägte „Crowd-Science“ gehalten, auch wenn sie nicht mehr so unverhohlen ausformuliert wird. Ein Phänomen, bei dem das manische Quantifizieren, Objektivieren und Erfassen der Massen zutage tritt, sind digitale Auslastungsanzeigen. Diese Technologie erlebte mit der Corona-PsyOp ihren Boom, denn mit ihr gab es nun ein informatives Interface über die getrackten Massen für die Massen. Mithilfe dieser Veranschaulichung der Menschendichte an bestimmten Orten war der einzelne Mensch dazu angehalten, sich anhand dieser Grafiken von betroffenen Lokalitäten fernzuhalten. Nach Corona haben sich diese Auslastungsanzeigen gehalten, normalisiert und sogar noch ausgeweitet. So operiert die Deutsche Bahn etwa zwecks „Fahrgastlenkung“ mit ihrer auf Lichtsensor-Technik basierenden Fahrgastauslastungserfassung „DB Lightgate“ in etlichen S-Bahn-Netzen. Anhand von grün, gelb und rot eingefärbten Wagons auf der Bahnsteiganzeige soll die „Fahrgastmasse“ sich entsprechend den noch freien Plätze am Bahnsteig platzieren. Es handelt sich hierbei um die digitale Lösung für ein Problem, welches ohne den Missbrauch digitaler Endgeräte, der Smartphones, in dieser Form nicht entstanden wäre. Dass Menschen sich in der Bahn und an anderen öffentlichen Orten ungleichmäßig und nicht zum Wohle aller verteilen, ist weitestgehend zurückzuführen auf deren mentale Abwesenheit im analogen Raum — durch exzessive Smartphone-Nutzung. Menschen, die sich durch ihre Endgerät-Versunkenheit von der Wirklichkeit abkapseln, gleichen abwesenden Anwesenden, leerstehenden Avataren, die — vorgeblich — durch äußere Reize gelenkt werden müssen. Die Auslastungsanzeigen, die den „Menschenverkehr“ optimieren sollen, kommen als nützliche Alltagshelfer daher, vermitteln jedoch eine menschenfeindliche Subbotschaft: „Der Mensch ist unmündig, muss gelenkt werden, und in der Vielzahl ist er schlecht, deswegen die rote Farbe.“ Eine Rückkehr zu einem humanistischen Welt- und Menschenbild bedarf der Rückeroberung der analogen Wirklichkeit sowie der Wiedererlangung der Körper- und Geistesgegenwart in ihr.

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